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17
Dez
09

Einfach nur Tier sein

Einfach nur Tier

Spätestens als jetzt die Pastetchen ausgeteilt waren, war für die drei Tigerbrüder Karl, Nemo und Fischling klar, dass auch an diesem Abend nichts weiter für sie rausspringen würde, als die übliche Kuscheltiernummer durchzuziehen, mit zwischendrin ein bisschen fauchi fauchi und knurr knurr und das Beste vom Abend, der knackige Dompteur, nur wieder den Gästen vorm Stahlzaun überlassen bleiben sollte. Dabei wünschten die Drei sich seit je nicht mehr, als wenigstens einmal einen solchen Happen selbst probieren zu dürfen, ein wenig mehr Natürlichkeit.

„Wir hatten endgültig genug von dieser Art snobistischen Chauvinismus! Wir Tiger sind schließlich auch nur Menschen“, rechtfertigt Nemo die Aktion, Fischling will sich nicht äußern, saugt nervös an seiner Zigarette. Man hat den Eindruck, er sieht schlechter aus als sonst, aufgewühlt, und quält sich, macht sich irgendwelche Vorwürfe.

Die Aktion war wochenlang genau geplant: Fischling, während Karl den Dompteur Pagels geschickt unter der Probe ablenkte, indem er „toter Hund“ spielte, versteckte am letzten Probeabend den Stolperklotz, den er aus einem großen Holzteil der hinteren Käfigwand gefertigt hatte, dem Käfig, indem die Tiger wohnen, aber leider noch nicht leben, im Spreu des Manegenbodens. Der Plan ging auf, leider wurde die Aktion von niemandem so richtig verstanden – nach wie vor gibt es zwar rohes, aber vorher irgendwie schon totes Fleisch.

„Sie können sich vorstellen, dass es uns durchaus reizt, einmal den Tiger raus zulassen, wobei sie das jetzt nicht wörtlich nehmen müssen“, erzählt Karl und knurrt dabei merkwürdig in sich hinein. „Es ist nur so, ständig sehen wir diese Leute aus der Hamburger Bürgerschaft und wie sie mit diesen leckeren Pastetchen hereinkommen…“, dann zögert er einen Moment, „…es ist nicht Neid, oder so, nur“, wieder dieses zögern, es ist, als ob in diesem Augenblick in dem großen und kuschligen Tier ein brutaler Kampf stattfände, ein Kampf zwischen wirklicher Vernunft und rasender Wut und endlich kann sich Karl sammeln und fährt fort, „…ich glaube, wenn ich jetzt darüber nachdenke, was inzwischen passiert ist, die Aktion hatte etwas total Symbolisches. Aber was nur?“ Dann schießen ihm Tränen in die Augen, Fischling wendet sich ab, während Nemo sich noch ein Glas Wodka einschenkt.

Als die Nacht hereinbricht, schleicht sich Fischling ans Käfiggitter heran. „Im Grunde ist es doch so: Wir sind im Prinzip eigentlich Tiere und ich persönlich finde es ganz normal, Menschen zu essen – wenigstens ab und zu. Aber erzählen sie das mal meinen Kumpels.“ Mit einer Tatze zeigt Fischling ins Dunkel hinüber, wo Karl und Nemo bereits schlafen. „Da sucht man sich dann irgendwelche Kanäle, über die man dass rationalisieren kann – sie haben Karl ja gehört. Von wegen Symbolismus! Wenn Sie mich fragen: Das klingt ziemlich schizophren. Würde er aber nie zugeben – das eine nicht und auch nicht das andere. Auch nicht, dass er einen ganz schönen Hass auf den Pagels hatte und allein schon deshalb… Nie!“

Und kriecht zurück in den Schatten, worin er sich nervös versteckt.

„Ach so! Hätten Sie mir eine Zigarette? Dieser Blutgeschmack. Irgendwie werd ich ihn nicht mehr los.“