Archiv für 3. März 2008

03
Mär

De mendacium

…ich meine aber, dass mit der Seele und in Bezug auf das Wirkliche zu lügen und gelogen zu haben und unwissend zu sein und hier die Lüge zu haben und zu besitzen jedermann wohl am wenigsten gern hätte, und dass man in dieser Beziehung sich am meisten hasst.[1]

Vor der Wirklichkeit zu stehen und trotzdem zu lügen, lässt Platon Sokrates im Dialog mit Glaukon antworten, führe zu nichts anderem, als sich selbst zu hassen. Und nicht nur dazu sich zu hassen, sondern sich deswegen am meisten zu hassen. Denn die Lüge verneine nicht nur das Wirkliche, sondern mache darüber hinaus unwissend. Demzufolge würden wir uns der selbstverschuldeten Unwissenheit wegen am meisten hassen, weil wir uns selbst der Wirklichkeit verschließen, verweigern – indem wir lügen. Weswegen aber sollten wir uns deshalb am meisten hassen?

Was anderes ist die Wirklichkeit als das Leben an und für sich, wie wir es im Einzelnen auch sehen und handeln mögen? Wir erkennen in einem Ding, einem Baum, einem Kugelschreiber, oder einem Lebewesen, einem Mensche dasselbe oder denselben, sollten wir etwa den Umriss beschreiben. Doch ist der Wert, das Bild, die Erwartung, ein Gefühl an das Ding, oder den Menschen individuell verschieden. Die Lüge geht darüber hinaus oder hinweg, am Beispiel wäre es die Weigerung, in dem Baum einen Baum zu sehen, in dem Menschen vielleicht das, was wir lieben oder verachten, weshalb wir damit umgehen, damit leben können – doch bleibt die Weigerung, die Lüge die Verdammnis zur Unwissenheit.

Wir verfluchen uns somit selbst zu Unwissenheit, zu Unwissenden, weil wir der Wirklichkeit und Wahrheit durch Lüge aus dem Wege gehen und formen die Wirklichkeit durch Lüge in Hass um auf uns selbst. Wer sich selbst hasst, wird kaum glücklich sein, selbst wenn er glücklich scheinen mag. Denn bestenfalls wird es ein Kompromiss sein, der uns durch die Lüge die Wirklichkeit bequem oder sonst wie nützlich erscheinen lässt.

Für diesen mag die Lüge ein Aufschub sein die Wirklichkeit vollends erkennen zu wollen, denn er erkennt die Wirklichkeit dahinter und so kann Lüge gar als Trost gelten, auf dem Weg, die Wirklichkeit und Wahrheit anzuerkennen. Die Wegstrecke ist wieder individuell verschieden, manch einer gewöhnt sich an die Lüge, die Lüge wird wirklich und wahr, aber nie Wirklichkeit – denn etwa ein Mensch ist ein anderer als der den ich liebe, weil ich ihn nur lieben kann wenn ich mich über ihn belüge. So liebe ich an diesem Menschen den Schein, den ich ihm durch die Lüge und den Selbsthass verleihe – nicht ihn selbst, denn er ist er ohne Lüge. Vielleicht aber lügt auch er und liebt an mir einen ähnlichen Schein, den, den er mir durch seine Lüge und seinen Hass verleiht. So würden wir uns gegenseitig lieben, den Schein am anderen, den unser Hass auf uns ihm verleiht.

Für jenen ist die Lüge eine Qual, denn tatsächlich spürt er den Hass auf sich und die Wirklichkeit dahinter lässt sich nicht verändern. Er liebt den Menschen dort und erkennt, dass den Schein den er ihm durch seinen Hass verleiht nicht wahr ist, derselbe da ein anderer und erkennt, dass die Lüge ihn korrumpiert und Hass nichts ist, was wahre Liebe zulässt.

Würden diese Erkenntnisse so oder so zutreffen, dürften es kaum Menschen miteinander aushalten, in Beziehung treten, womit ich etwa meine, eine Paargemeinschaft zu bilden. Und tatsächlich ist es wohl mit das Schwierigste der Welt, zusammen mit jenem anderen Wesen und gleichwohl stets aufrichtig zu sein.

Dann gibt es noch eine weitere Lüge, die Notlüge. Kein Mensch mit Anstand würde an einem Grabe stehen und über den Toten übel reden, während die Trauergäste weinen, wie schlecht er auch gewesen sein mag. Vielleicht gibt es solche aber doch und sie meinen, damit den Trauernden einen Gefallen zu tun, denn sie würden ja nicht lügen, sondern die Wahrheit sagen, doch wie der Grund auch lauten mag – wem nützt diese Wahrheit noch? Nun, mit dem Tod, fault in der Grube auch die Lüge und der Aufrichtige hätte mit der Wahrheit zu Lebzeiten des Toten besser gefallen. Insofern lügt er vielleicht doch, denn würde man ihn fragen, hätte er zu jener Zeit wohl nicht den Mut besessen, oder würde sonst etwas erzählen können, was der Rechtfertigung einer Lüge gleichkommen mag.

Und wie wir auch darüber, wie an diesen Beispielen betrachtet, sinnen mögen, ist nur eines sicher, dass es in Wirklichkeit, auf die es ja ankommt, immer ganz anders aussieht.

Max Frisch meinte[2], dass absolute Aufrichtigkeit Tugend auf Kosten des Anderen sei. Und es geht ein spontaner Ruck durch den Verstand, diesem Satz ohne nachzudenken zustimmen zu wollen. Denn die Erfahrung sagt, dass auch die Wirklichkeit, die Wahrheit uns dazu bringen kann uns selbst zu hassen. Sie kann uns weiters dazu bringen, dass die „Ohnmacht gegen Menschen [die lügen], nicht die Ohnmacht gegen die Natur [Wirklichkeit] die desperateste Verachtung gegen das Dasein [gegen Mich oder den Anderen]“ erzeugt, wie Nietzsche schreibt[3]. Denn Dasein beschreibt sowohl mich, als auch andere, überhaupt ganze Wirklichkeit. Verbitterung der Erfahrung der Tugend der absoluten Aufrichtigkeit mag Nietzsche dazu veranlasst haben, so streng zu urteilen.

Ob uns die Wirklichkeit gleichwohl dazu bringen mag, uns am meisten zu hassen wie die Lüge? Denn ist die Lüge wie in obigem Falle nur Aufschub für die Wahrheit oder eine Notlüge für den jeweiligen Nutzen, gar Selbstschutz oder Schutz des Anderen; vielleicht nur für den Moment bestimmt, dann kann der Hass wohl nicht der größte sein, denn die Wahrheit steht allzeit dahinter und eilt früher oder später herbei, die Lüge fortzuwischen.

Zu lügen kann in bestimmten Fällen gar heilsam sein, der Hass verkehrt in Balsam – gleich die Wirklichkeit und Wahrheit. Wichtig ist mir, Klarheit und Gewissheit zu besitzen, was ich denn just tue – lügen, oder ehrlich sein. Denn bin ich klar und lüge, kenne ich die Lüge und die Wirklichkeit dahinter. Und kann mir, wann auch immer, vergeben, was ich selbst mir schuldig bin, wofür ich mich hasse – oder andere. Bin ich hingegen ehrlich, erkenne die Wirklichkeit, dann sehe ich rasch die Lüge; was man etwa gemein Vergangenheit nennt, meine, oder die Anderer. Und bin so in die Lage versetzt wiederum mir, oder jenen zu vergeben.

Die Lüge ist ganz anders als die Wirklichkeit, doch kann sie gleich heilsam oder zerstörerisch sein.

Die Wirklichkeit ist, wie Frisch es wiederum passend formuliert hat, wohl die, dass die Lüge beginnt, „wo wir vorgeben, in diesem Sinne ehrlich zu sein – kein Geheimnis zu haben“, was ich noch ergänzen möchte damit: Und nie eines hatte und nie haben werden. Das wäre wohl die aufrichtigste aller Lügen, so wirklich und wahr wie die Natur.

Insofern ist Unwissenheit aber tatsächlich die Hölle – sofern sie ohne weitere Erkenntnis und unaufhörlich besteht bis zum Tod.

Man hört es am letzten Atemzug.


[1] Platon in „Der Staat“ – Zweites Buch

[2] Max Frisch – Ehrlichkeit (1949)

[3] Nietzsche – Wille zur Macht

03
Mär

Ackermanns Gerechtigkeit

Essay zum Interview – Spiegel vs. Ackermann, 03.03.2008

Gerechtigkeit nach Hr. Ackermann: Ist Chancengleichheit, ist Leistungsgerechtigkeit – nicht Gleichheit im Ergebnis.

Seinen Mitmenschen zu helfen, ein Gebot der Mitmenschlichkeit und hat demnach nichts mit Gerechtigkeit zu tun.

Konklusion: Gerechtigkeit ist nichtmitmenschlich bzw. Ohnmenschlichkeit.

Aus der Leistung, die gerechterweise der Chancengleichheit folgt bzw. aus ihr hervorgeht, folgt die Verteilung der Leistung.

Wer demnach nichts oder wenig leistet, wird entsprechend an der Verteilung beteiligt und umgekehrt – das ist die von Hr. Ackermann ausgeschlossene Gleichheit im Ergebnis. Darüber hinaus gibt Hr. Ackermann nicht bekannt, wie Leistung bewertet wird, macht aber infolge deutlich, dass Leistungsbeurteilung erfolgsorientiert ist.

Leistungsgerechtigkeit ist also abhängig von:

1. Chancengleichheit,

2. Quantität der Leistung

und 3. Erfolg der Leistung.

Der Zusammenschluss, das gemeinsame Wirken dieser Begrifflichkeiten bedeutet Gerechtigkeit.

Im Umkehrschluss würde das bedeuten, dass eine hohe Leistungsmenge ohne Erfolgsanschluss nicht entsprechend ihrer Quantität, sondern des Erfolges nach gering beurteilt würde. Nun würde die Leistungsverteilung ebenso gering ausfallen – und je nach Investition im Schlimmstfalle den Arbeits- und damit Leistungsausfall nach sich ziehen, womit die Chancengleichheit im selben Falle bestenfalls einmal zutrifft und dann verschwindet. Der Mensch wäre nun von der Mitmenschlichkeit seiner Mitmenschen abhängig geworden und von Gerechtigkeit ausgeschlossen. Mitmenschlichkeit, auf die Hr. Ackermann nicht weiter eingeht, erscheint demgegenüber implizit als Ungerechtigkeit bzw. steht der Gerechtigkeit entgegen. Wer Mitmenschlich handelt, kann nicht gleichzeitig seine Chancengleichheit wahren, viel leisten und erfolgreich sein, denn er muss seine Leistungsfähigkeit teilen – in Mitmenschlichkeit und Streben nach Gerechtigkeit. Dadurch kann er nicht gleich erfolgreich sein wie der allein nach Gerechtigkeit strebende, womit er in geringerem Maße an der Leistungsverteilung beteiligt ist.

Ein Einzelfall der belegt, dass Chancengleichheit prinzipiell unmöglich ist.

Wenn Chancengleichheit unmöglich ist, ist Gerechtigkeit nicht möglich und ein theoretisches Konstrukt des Kapitalismus.

Darüber hinaus bleibt das die Frage, ob Hr. Ackermann die Chancengleichheit allein theoretisch betrachtet meint, denn in der Realität ist Chancengleichheit weiters aufgrund von etwa Individualität unmöglich; dass ist sie aber im Kapitalismustheorem. Für leistungs- und erfolgsorientierte Chancengleichheit zu sorgen bedeutet für Gerechtigkeit zu sorgen.

Die Sorge ist per definitionem eine Wirkung der Mitmenschlichkeit. Dabei bleibt aber, wie gezeigt, Individualität und Mitmenschlichkeit zurück, denn Chancengleichheit kann allein unter Gleichen herrschen. So müssen wir, wollen wir Kapitalisten sein und bleiben, gleich werden und wohl Individualität und Mitmenschlichkeit aufgeben. Denn praktisch bzw. in der Realität bewiesen ist, dass nur der Erfolg und damit entsprechend Leistungsgerechtigkeit erfährt, der erfolgreich ist. Streng gesehen tautologisch und somit wenig diskussionsfähig. Wiederum im Umkehrschluss versickert dahinter die Vielfalt und Mitmenschlichkeit – überhaupt die Menschlichkeit.

Kann solche Gerechtigkeit Tugend sein und gut? Weiters zeigt Hr. Ackermanns Ausführung, dass er ein großartiger Theoretiker ist, vielfach vielleicht zu metaphysisch und unpraktisch bzw. unrealistisch – außer in Bezug auf die Praxis seiner Theorie.

Dass er von der tüchtigen Funktion seiner Idee nicht abkommen will, ist verständlich, aber aus menschlicher Sicht nicht nachvollziehbar. Gleichso wird er es umgekehrt sehen, wenn er dies liest.

Ein Blick auf die durch ihn transportierte, die daraus folgernde Moral, die Moral des Kapitalisten entdeckt, dass seine Idee von Gerechtigkeit nur so ertragen werden kann: Durch Blindheit, Taubheit und Stummheit.